Chorprojekt – Gestärkt aus dem Leiden Christi hervorgehen

Die Chöre der Kantorei Traunstein und des Motettenchors der Stadtkirche Bad Reichenhall unter der Leitung von Matthias Mertelshofer in der Auferstehungskirche Traunstein. An der Orgel spielte Matthias Roth
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erschienen im Traunsteiner Tagblatt vom 20.04.2022, Text und Bild: Giesen

 

Traunstein – »Kann man diese Welt lieben«, fragte Dekan Peter Bertram bei der Andacht zur Sterbestunde in der mit Gläubigen voll besetzten Evangelischen Auferstehungskirche in Traunstein.

»Gott tut es«, erklärte der Dekan in seiner Ansprache trotz aller von Menschen verursachten Gräuel in der Welt, besonders aktuell angesichts des Krieges in der Ukraine und der zunehmenden Klimakatastrophen. »Die Welt sind Wir«, so Bertram. Alle seien wir eingeladen, Botschafter des Friedens und des Evangeliums zu werden, das wie beim folgenden Chorwerk mit der Anbetung des Gekreuzigten endet.

Die Worte des Dekans nahmen zeitlich nur einen kleinen Teil der Andacht ein, da im Mittelpunkt Sir John Stainers großes Chorwerk »The Crucifixion« stand. Es sangen der Chor der Traunsteiner Kantorei und der Motettenchor der evangelisch-lutherischen Stadtkirche Bad Reichenhall, insgesamt etwa 60 Sänger, die das anspruchsvolle Werk seit Wochen geprobt hatten. Die Gesamtleitung hatte der Traunsteiner Chorleiter und Kirchenmusiker Matthias Bertelshofer und an der Orgel spielte Kirchenmusik-direktor Matthias Roth, der auch den Motettenchor Reichenhall leitet.

Die musikalische Meditation »The Crucifixion« zählt zu den bekanntesten kirchenmusikalischen Werken des 19. Jahrhunderts in England. Der Komponist Sir John Stainer war Organist an der Londoner St. Pauls Cathedral und Musikprofessor in Oxford. In 1887 fand die Uraufführung in London statt.

Der Text des Theologen W. J. Sparrow-Simpson (1859 bis 1952) wechselt zwischen biblischer Erzählung und neu gedichteten Versen. Stainers Ziel war es, für die Karwoche eine gottesdienstliche Musik zu schaffen, die auch in kleineren Kirchen aufgeführt werden kann, kein großes Oratorium.

Der Chorgesang der beiden Chöre klang wunderschön homogen und alle sangen mit großer innerer Anteilnahme und spürbar mit Herzblut, was zweifellos auch der intensiven Einstudierung durch die beiden Chorleiter zu verdanken war. Sehr eindrucksvoll sangen die beiden jungen Solisten Dagur Thorgrimsson, Tenor, und Martin Burgmair, Bass, mit volltönenden, weichen Stimmen voller Modulierfähigkeit. Schön erklangen auch die Bassstimmen von Gerhard Bezzel und Michael Haschke, die mit ihrem Sprechgesang als erzählende Einzelperson (Soliloquent) auftraten.

Der Originalfassung entsprechend sangen alle die Texte in englischer Sprache. Dafür gab es für die Zuhörer ein 16-seitiges, sorgfältig gestaltetes Programmheft, das alle Texte mit deutscher Übersetzung enthielt und zudem ausführliche Erklärungen zu Werk und Interpreten.

Das Werk endet mit dem Choral »All for Jesus«, der ausdrücken soll, was die Passion Jesu leisten soll, nämlich die Vertiefung des Zuhörers in Christi Leiden, um daraus gestärkt hervorzugehen und alle Leiden zu überwinden. Danach war es einige Minuten mucksmäuschenstill in der Kirche – nur die Vögel draußen hielten sich (Gottseidank) nicht an die im Programmzettel erbetene Stille, um das Chorwerk nachwirken zu lassen. Anschließend war der Applaus umso größer und die Besucher gingen beglückt in den schönen Frühlingsabend.