Wie kann man kirchenferne Menschen ansprechen

Ernüchternde Zahlen der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung


Foto und Text: Hans Eder

 Dekan Peter Bertram und KR Jörg Hammerbacher

Traunreut. Es gibt weiterhin einen in etwa gleichbleibenden Anteil an hochengagierten Mitgliedern in den evangelischen Kirchengemeinden. Das war die gute Nachricht in einer ansonsten eher ernüchternden Bilanz der sogenannten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, die auf der Dekanatssynode am Samstag in Traunreut vorgestellt wurde. Immer mehr Kirchenaustritte, vor allem auch bei der jüngeren Generation, zunehmende Gleichgültigkeit der Menschen kirchlichen Dingen gegenüber, fehlendes Wissen bei der  Jugend dokumentierten sich in dieser Untersuchung. Wie man gegensteuern könne  – das war eine Aufgabe, der sich die rund 50 Teilnehmer der Synode im Wilhelm-Löhe-Zentrum in Gesprächsgruppen anzunähern versuchten.

Was ist zu tun, damit aus den Mitgliedern einer Kirchengemeinde nicht eine „Herde aus Gleichgültigen“ wird? Diesen Ausdruck stellte Kirchenrat Jörg Hammerbacher vom Referat Gemeindeentwicklung des Landeskirchenamts bei der Dekanatssynode an den Beginn seiner Ausführungen, die die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zum Thema hatten. Befragt worden waren insgesamt 3027 Menschen, davon 2016 Evangelische, 565 ehemalige Evangelische und 446 Menschen, die keiner Konfession angehörten. Die Zahlen belegten einerseits deutlich, dass die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt. Andererseits aber hat die Umfrage auch ergeben, dass viele von denen, die in der Kirche bleiben, dies gerne tun und oftmals „hochbeteiligt“ seien. Hammerbacher selber fasste das Ergebnis der Umfrage mit den Worten zusammen: „Wir werden kleiner, aber nicht weniger lebendig.“

Drastisch sei die Entwicklung bei der Jugend einzuschätzen. Deren Distanz zur Kirche nehme ständig zu, bereits heute fühle sich ein hoher Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 14 und 29 Jahren der Kirche nicht mehr verbunden. In diesem Alterssegment gebe es auch die höchste Austrittsrate. Die Gründe dafür seien mehrschichtig, wie Hammerbacher zusammenfasste: fehlendes religiöses Wissen, fehlende religiöse Praxis, fehlende Erfahrung und das Gefühl, dass Religion eigentlich gar nicht mehr gebraucht werde. Das alles zusammen führe dann zu einer religiösen Indifferenz. Die der Kirche fernstehenden Menschen sei großenteils nicht etwa „Hardcore-Atheisten“, wie Hammerbach meinte, sondern hätten einfach den Bezug zur Kirche verloren, was keineswegs heißen müsse, dass sie nicht zumindest spirituell auf der Suche seien.

Hammerbach machte vor diesem Hintergrund einige Vorschläge, wie dem ganzen entgegenzuwirken sei, und im Anschluss wurde in Gesprächsgruppen darüber gesprochen. Eine Mahnung des Referenten ging dahin, die sogenannten „Kasualien“ als Kontaktchance zu nutzen, also die festen Punkte, zu denen auch kirchenferne Menschen noch zur Kirche kommen, auch wenn selbst dies nicht mehr selbstverständlich sei: Taufe, Hochzeit, Beerdigung. Bei solchen Kontakten müsse den Menschen vermittelt werden, dass sie dazu gehören, auch wenn sie sich sonst selten bis gar nicht sehen lassen – immerhin zahlten sie ja Kirchensteuer und tragen damit ihren Anteil bei. Also sollten die Vertreter der Kirchengemeinden flexibel sein, was beispielsweise die gewünschten Zeiten oder Orte von Trauungen oder Taufen anbetrifft. Man dürfe keineswegs brüsk oder abweisend reagieren und müsse auch bei den jeweiligen Gebühren großzügig sein.

Bei Taufgesprächen solle die Chance genutzt werden, die Familien zu fragen, was sie sich von der Kirche wünschen – und, wie Hammerbacher betonte, „auch Ein-Eltern-Familien sind Familien“. Denn klar sei, dass die Familien erreicht werden müssen, wenn die junge Generation in ein religiös geprägtes Leben hineinwachsen soll. Auch aus Anlass der Konfirmation sollten die Eltern mit angesprochen und mit einbezogen werden, regte Hammerbacher an; denn wenn die Eltern selbst religiöse Themen nicht wichtig nehmen, sei auch kaum zu erwarten, dass bei den Kindern etwas von der Konfirmandenzeit hängen bleibe.

Referent Hammerbach nannte weitere Chancen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Das seien einmal die Einweihungen, bei denen sich die Pfarrer in der Öffentlichkeit zeigen und Gesprächskontakte knüpfen könnten. Und auch das geistliche Wort in Tageszeitungen dürfte man nicht unterschätzen: Dies sei für viele oft – möglicherweise zusammen mit Gottesdiensten im Fernsehen – die einzige noch verbliebene Schnittstelle zur Kirche. Aber auch die Ehrenamtlichen sollten immer wieder zum Ausdruck bringen, dass ihnen der Glaube wichtig ist; denn, so Hammerbacher, von den Pfarrern werde dies ja als selbstverständlich erachtet: „Die Pfarrer müssen’s ja sagen.“

Weiters böten neben dem Religionsunterricht die Schul- oder Abschlussgottesdienste eine „Riesenchance“, Menschen anzusprechen: Gerade solche Anlässe dürfe man nicht „vergeigen“, sprach Hammerbacher ein klares Wort aus. Denn wenn man die jungen Leute hier nicht erreiche, dann würden sie wohl längere Zeit nicht mehr auftauchen. Großen Augenmerk sollte man in den Kirchengemeinden auf die über 60-Jährigen richten; diese „jungen Alten“ seien bereit, sich zu engagieren, man müsse ihnen nur die passende Aufgabe anbieten und ihnen dabei auch eigene Verantwortungsbereiche einräumen. Nicht zuletzt wurde dann von Teilnehmern der Dekanatskonferenz noch angesprochen, dass Themengottesdienste eine Möglichkeit seien, Menschen wieder an die Kirche heranzuziehen: Familiengottesdienste, Gottesdienste mit Gospels und anderer guter Kirchenmusik.