Herbstsammlung der Diakonie 2026 für Hilfen gegen Wohnungsnot eröffnet

Diakonie-Vorstand Andreas Karau und Dekan Peter Bertram riefen zu Spenden für Hilfen gegen Wohnungsnot auf
Bildrechte K. Rieder

„Ich habe keinen Platz mehr!“ Ein solcher Satz, so Dekan Peter Bertram in seiner Predigt beim gut besuchten Gottesdienst am Diakoniesonntag in der evangelischen Auferstehungskirche Traunstein, könne je nach Kontext sehr unterschiedlich klingen. Manchmal sage ihn ein alter Mensch, der seine vertraute Wohnung verlassen müsse, manchmal jemand, der tatsächlich keinen Ort mehr habe, an dem er leben könne.

Nach Angaben der Diakonie Bayern fehlen im Freistaat rund 200.000 bezahlbare Wohnungen. Rund 45.000 Menschen leben in Notunterkünften und Wohnheimen, die eigentlich für einen vorübergehenden Aufenthalt gedacht sind, für viele jedoch zur Dauerlösung werden. Für Betroffene sei das eine existenzielle Belastung, denn eine Wohnung zu haben, bedeute mehr als nur vier Wände und ein Dach über dem Kopf. „Sie bedeutet Sicherheit, Privatsphäre, eine Adresse zu haben, einen Briefkasten. Einen Ort, an dem ich sagen kann, hier bin ich zu Hause“, so Bertram.

Wohnungslosigkeit habe „ganz, ganz viele Gesichter“: Bei manchen beginne sie schon in jungen Jahren, manche verlören ihre Wohnung durch Arbeitslosigkeit oder Krankheit, andere als Folge einer Trennung, einer Lebenskrise oder von Gewalt- und Missbrauchserfahrungen. „Wenn wir als Kirche und Diakonie Menschen zur Seite stehen, geht es nicht nur um vier Wände, sondern immer um den ganzen Menschen“, betonte Bertram. Entscheidend sei, was jemand jetzt brauche und welche Unterstützung einen Schritt in eine gute Zukunft ermögliche.

Wie solche Unterstützung konkret aussieht, schilderten zwei Leitungskräfte der Traunsteiner Diakonie anhand von Beispielen aus der Praxis. Susanne Hauser an der Orgel und Martin Schorndanner an der Trompete umrahmten den Gottesdienst musikalisch eindrucksvoll.

Beate Knott unterstützt mit dem Projekt „Wohnraum für alle“ Menschen in prekären Wohnsituationen und Menschen mit Migrationshintergrund. Das 2020 ins Leben gerufene Projekt wird vom Bayerischen Innenministerium, der evangelischen Landeskirche und der Diakonie Bayern gefördert. Wenden sich Menschen auf der Suche nach Wohnraum an die Beratungsstelle, unterstützt Knott sie unter anderem bei der Antragstellung und begleitet sie zu Wohnungsbesichtigungen. „Das große Ziel unserer Arbeit ist Integration. Integration kann stattfinden, wenn Menschen einen Wohnraum, ein Zuhause haben“, verdeutlichte Beate Knott und schilderte zwei Fälle aus der Praxis.

So wandte sich eine Familie mit drei Kindern aus der Ukraine nach ihrer Ankunft in Traunstein an sie. Ein Kind hatte Diabetes, die Frau war schwanger, eine Wohnung wurde dringend gebraucht. Zufällig meldete sich kurz darauf ein Vermieter bei der Beratungsstelle, der eine Wohnung in Traunstein gezielt in einem sozialen Kontext vermieten wollte. Zwei Monate später konnte die Familie dort einziehen und erhielt durch diese glückliche Fügung ein neues Zuhause.

Ähnlich positiv entwickelte sich die Anfrage eines Rentnerehepaares aus Traunreut, das zusammenziehen wollte. Bis dahin lebten beide jeweils in einer kleinen Sozialwohnung. Sie hatten bereits einen Wohnberechtigungsschein beantragt, als sie sich an die Beratungsstelle wandten. Die Wartezeiten für eine größere gemeinsame Sozialwohnung seien jedoch sehr lang. Mithilfe der Beratungsstelle „Wohnraum für alle“ und mit tatkräftiger Unterstützung des Landratsamtes Traunstein konnte in kurzer Zeit eine Lösung gefunden werden. Diese hatte zudem den positiven Nebeneffekt, dass zwei dringend benötigte Sozialwohnungen wieder frei wurden.

Beispiele wie diese zeigen, wie durch kurze Wege, feste Ansprechpartner sowie faire und verlässliche Vermieter pragmatische Lösungen gefunden werden können und ein Mehrwert für alle entsteht.

Einen zweiten Hilfebereich stellte Veronika Kecht vor, die seit 2005 die Einrichtung „Wohnen für Mutter und Kind“ der Diakonie in Traunstein leitet. Dort leben Frauen mit längerfristigem sozialpädagogischem Unterstützungsbedarf in der Regel eineinhalb bis drei Jahre. Beim Einzug können sie aus unterschiedlichen Gründen weder ihren Alltag selbstständig bewältigen noch ihre Erziehungsverantwortung wahrnehmen. Die Aufenthaltsdauer hängt davon ab, wie schnell sich die jungen Mütter entwickeln und ein verantwortliches Leben mit ihren Kindern selbstständig führen können.

Während dieser Phase wird die Einrichtung für sie zu einem Zuhause auf Zeit. Die meisten holen eine schulische oder berufliche Ausbildung nach, manche beides, und finden wieder ins Arbeitsleben zurück. Ihre Kinder besuchen währenddessen eine Kita oder Schule. Die gesamte Situation stabilisiert sich. „Daher ist es sehr zu begrüßen, dass die Mütter auch nach der Betreuung in der Einrichtung meist in Traunstein verbleiben möchten“, betonte Kecht. Hier hätten sie ein neues Zuhause gefunden, soziale Kontakte geknüpft, eine feste Tagesstruktur entwickelt und Sicherheit gewonnen. „Nun können sie aus unserer Obhut in ein selbstständiges Leben zurückkehren. Doch sie finden keine bezahlbare Wohnung in Traunstein!“

Abermals bleibt ihnen kaum eine Wahl. Manche kehrten notgedrungen in ihr früheres schädliches Umfeld zurück. Andere zögen in ein Dorf, in dem noch bezahlbarer Wohnraum verfügbar sei, häufig im nördlichen Landkreis Traunstein.

Für die Mütter sei diese Veränderung oft sehr belastend. Sie verlören die aufgebauten sozialen Kontakte und seien in ihrer Mobilität eingeschränkt. Während in Traunstein alle wichtigen Arzt-, Behörden- und Therapiebesuche fußläufig möglich gewesen seien, nähmen diese Wege am neuen Wohnort mit öffentlichen Verkehrsmitteln oft ganze Tage in Anspruch. Alte Ängste tauchten wieder auf, die mühsam erlernte Tagesstruktur gerate ins Wanken und die beruflichen Chancen schwänden.

„In der Regel haben unsere Frauen keine sicheren Herkunftsfamilien, sie sind also mit ihren Kindern wieder völlig auf sich allein gestellt und aus ihrer Bedürftigkeit heraus sehr anfällig für schädliche Einflüsse“, schilderte Kecht. Ein durch den Wohnungsmangel in Traunstein erzwungener Wohnortswechsel könne so die Ergebnisse jahrelanger gemeinsamer Arbeit mit den Müttern und Kindern in kurzer Zeit wieder zunichtemachen. Erreichte Fortschritte in der persönlichen Entwicklung der Mütter und in der Entwicklung ihrer Kinder seien gefährdet, wenn das selbstständige Leben in der neuen Umgebung ohne Unterstützung nicht gelinge.

Ein weiteres Fallbeispiel zeigte, wie schnell eine akute Notsituation entstehen und enorme Folgekosten nach sich ziehen könne. Eine Mutter hatte sich während ihres Aufenthalts in der Einrichtung so gut entwickelt, dass sie ihre fünf Kinder selbstständig versorgen konnte. Damit seien die gesetzlichen Voraussetzungen für einen weiteren Aufenthalt entfallen. Sie brauchte nur eine neue Wohnung, doch die gab es für sie und ihre fünf Kinder nicht.

Weil akut Wohnungslosigkeit drohte, sei nach Kechts Schilderung bereits eine Inobhutnahme der fünf Kinder geplant worden. In diesem Fall hätten die Kinder im Alter von einem bis neun Jahren beinahe von ihrer Mutter getrennt und in einer Pflegefamilie untergebracht werden müssen. „In letzter Minute konnte Abhilfe geschaffen werden – Gott sei Dank!“, unterstrich Kecht.

Beispiele wie diese verdeutlichen die Notwendigkeit der Hilfen der Diakonie, für die im Rahmen der Herbstsammlung in Bayern vom 12. bis 18. Oktober um Spenden gebeten wird. Spenden im Dekanat sind auf folgendes Konto möglich: 

IBAN DE64 7105 2050 0040 7535 92, BIC BYLADEM1TST, Verwendungszweck „Spende Diakonie H26-ZS“.